Glockenwartung. Warum sollen wir lange Worte verlieren? Lesen Sie einfach, was die WDR-Online-Redaktion ber unsere jhrliche Glockenwartung im Klner Dom schreibt.

Auftritt fr den "dicken Pitter"

Glocken-Check im Klner Dom

Von Anna Kirberich
 

Petersglocke im Kölner Dom; Bild: WDRTief und durchdringend hallt der Klang der Petersglocke ber die Klner Domplatte. Nur vereinzelt  bleiben einige Leute inmitten des hektischen Grostadttreibens  stehen und blicken erstaunt in Richtung Glockenturm. "Ist das nicht der 'dicke Pitter'", fragt eine Passantin ihre Begleiterin. Er ist  es! Eigentlich darf die 25.000 Kilo schwere Glocke nur zu hohen kirchlichen Anlssen erklingen. Doch einmal im Jahr macht das  Erzbistum Kln eine Ausnahme: Zwei Tage vor Fronleichnam darf  Hans-August Mark von der Eifeler Glockengieerei den "dicken Pitter" fachmnnisch abhorchen, um festzustellen, ob er zwischenzeitlich keinen "gesundheitlichen Schaden" erlitten hat.

 Der dicke Pitter in Aktion

Glockengieer aus Tradition

Seit ber 30 Jahren kmmert sich Hans-August Mark mit  seiner Firma um das Wohlbefinden seiner Schtzlinge. Denn neben dem "dicken Pitter" ist er auch fr die Pflege der acht weiteren spielbaren Glocken des Klner Doms zustndig. Der 65-Jhrige hrt  sofort, ob einer seiner Patienten leicht verstimmt ist. Anhand des  Klangs kann er sie nicht nur genau voneinander unterscheiden, sondern auch "Unpsslichkeiten" erkennen. "Jede Glocke singt ihr  eigenes Lied, verkndet ihre eigene Botschaft", erzhlt Mark mit  leuchtenden Augen. Diese innige Beziehung zu Kirchenglocken hat in  Hans-August Marks Familie eine lange Tradition, die auf das Jahr  1620 zurckgeht. Schon mit acht Jahren begann der Grovater ihm das  Glockengieer-Handwerk beizubringen. Vor 50 Jahren durfte Mark das  erste Mal als Auszubildender bei der Wartung im Glockenturm des  Klner Doms mitarbeiten. 1968 bernahm er die Glockenwartung im Dom. Seither ist das Testen der Glockenklnge vor Fronleichnam Chefsache.

Der Holzboden vibriert

Zuschauer im Glockenturm; Bild: WDR  Erschpft von den vielen Treppenstufen legen einige Besucher des Glockenturms eine kleine Pause ein.  Neugierig beobachten sie die auffllig in blauen Overalls gekleideten Handwerker. "Wir knnen mit dem nchsten Testlauf beginnen", informiert Stefan Krest seine Kollegen. Schnell noch an  den Gehrschutz denken - und los geht's. Die Glocke der Heiligen  Drei Knige und die Josefsglocke machen den Anfang. Mit prfenden  Blicken untersuchen die Glockengieer ihre Schtzlinge. Langsam  stimmen weitere Glocken in das Gelut ein. Erst ganz zum Schluss beginnt sich der in der Mitte thronende "dicke Pitter" langsam in  Bewegung zu setzen. Beeindruckt von dem gewaltigen Schwung treten die Besucher einige Schritte zurck. Ein melodisches Glockengetse,  aus dem der tiefe Klang der Petersglocke deutlich herauszuhren ist, erfllt den Raum. Einige Zuschauer versuchen, sich mit den Fingern  die Ohren zuzuhalten. Doch die himmlischen Klnge durchdringen  alles. Sogar der Holzboden vibriert rhythmisch. Nur wenige der  Zuschauer verlassen jedoch den Glockenstuhl, weil ihnen das  Spektakel zu laut ist. Langsam pendeln die Glocken aus. Nur noch  vereinzelt ist ein Schlag zu hren. Ein fasziniertes Raunen geht durch die Menge. Das war also der "dicke Pitter".

Die Anschlge mssen stimmen

Wartungsarbeiten; Bild: WDRZwei Tage bentigen die  Glockenexperten, um sich ein genaues Bild ber den Zustand ihrer Schtzlinge zu machen. Immer wieder beginnen sie von neuem mit dem  Probegelut. Dabei werden die Anschlge der Klppel in der Minute  gezhlt. Denn die Technik der Motoren, die die Glocken antreiben, knnen sich schon einmal leicht verstellen. Die Folge: Sie schlagen zu schnell oder zu langsam. Auf Dauer kann der falsche Ausschwungwinkel, der dies verursacht, der Glocke sogar Schaden  zufgen - ganz abgesehen von den klanglichen Unstimmigkeiten des Glockenchores. Darber hinaus werden die Glocken noch einmal festgezogen und die Lederriemen, an denen die Klppel befestigt  sind, gefettet. Glocke im Kölner Dom; Bild: WDR

Glockengelut zum Tod von Kennedy?

Frher wurden die Wartungsarbeiten im Klner Dom zu  irgend einem beliebigen Zeitpunkt im Jahr durchgefhrt. Da jedoch der "dicke Pitter" auer an hohen kirchlichen Feitertagen nur bei ganz besonderen Anlssen gelutet werden darf, zum Beispiel wenn der Papst verstorben ist, sorgte dies bei den Klner fr einige Irritationen. "1969 fand das Testluten zuflligerweise am Todestag von Robert Kennedy statt. Prompt haben die Leute gespottet, dass jetzt schon die Petersglocke zu Kennedys Tod geschlagen wrde", wei Hans-August Mark zu berichten. In den folgenden Jahren wurde der  Glocken-Check deshalb auf die Fronleichnams-Woche gelegt. Bis heute  wird die Tradition so beibehalten.

Alles in bester Ordnung

Solo fr den dicken Pitter

Andchtig lauscht Hans-August Mark den Klngen der Pretiosa, seiner Lieblingsglocke. Und auch den "dicken Pitter" nimmt  er in Soloauftritten immer wieder ganz genau unter die Lupe. Der  65-Jhrige ist mit dem "Gesundheitszustand" seiner Schtzlinge  zufrieden: Es ist alles in Ordnung. "Als ich die Arbeiten im Klner  Dom vor 30 Jahren bernommen habe, waren die Glocken in einem  verwahrlosten Zustand. Heute haben wir alles im Griff. Doch das geht nur mit viel Sorgfalt und Liebe", erzhlt er und packt langsam sein  Werkzeug zusammen.
 

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